Erhöhung der Leitzinsen in der Eurozone frühestens Ende 2022

 

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine, höhere Rohstoffpreise, Unterbrechungen der Lieferketten, die weltweit steigende Inflation sowie neue Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie trüben die Aussichten der Weltwirtschaft, und machen sie so unvorhersehbar wie selten. „Wir gehen davon aus, dass das globale Wirtschaftswachstum in diesem Jahr nur noch bei 3,4 Prozent liegen wird – 0,6 Prozentpunkte weniger als bislang prognostiziert“, sagt Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa beim internationalen Kreditversicherer Atradius, in einer aktuellen Analyse. Im nächsten Jahr rechnet Atradius mit einem weltweiten Wirtschaftswachstum von 3,2 Prozent.

Die Rohstoffpreise werden 2022 voraussichtlich erheblich steigen. Die bereits überhitzten Öl- und Gasmärkte zeigen nach der Invasion Russlands in der Ukraine erneut hohe Volatilität. Auch bei anderen Rohstoffen, bei denen Russland und die Ukraine wichtige Produzenten sind, wie Weizen, Gerste, pflanzliche Öle und Basismetalle, erwartet Atradius einen erheblichen Preisanstieg. „Die Androhung von Sanktionen gegen russische fossile Brennstoffe und die Ungewissheit über die Versorgung verschärfen die Marktknappheit“, erklärt Thomas Langen. Darüber hinaus beeinflusst der Russland-Ukraine-Konflikt einige spezifische Lieferketten negativ, wie die von Halbleitern und der Autoindustrie.

Probleme in den Lieferketten bremsen Handelswachstum

Der russische Angriffskrieg bremst aktuell die durchaus positive Entwicklung der vergangenen Monate. So wuchs der Welthandel zwischen Januar 2021 und Januar 2022 noch um 10,3 Prozent. Das Handelswachstum war bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten in allen wichtigen Regionen breit angelegt, und umfasste sowohl Investitions- als auch Konsumgüter. Die Handelsdynamik hatte sich sogar leicht verbessert, doch könnte der Schwung in den kommenden Monaten aufgrund des anhaltenden Inflationsdrucks und fortgesetzter Probleme in den Lieferketten nachlassen. DieNachfrage verlagert sich wieder von Waren auf Dienstleistungen, nachdem die Covid-bedingten Beschränkungen deutlich nachgelassen haben. Fabrikschließungen im Zusammenhang mit Covid, eine weitere Quelle für Spannungen in den Lieferketten, dürften auch zunehmend weniger werden, da sich die Pandemie verlangsam dürfte.

Inflationsdruck als vorübergehendes Phänomen

Angespannte Versorgungsketten, hohe Transportkosten und die Situation auf den Energiemärkten haben die Inflation auf ein seit Jahrzehnten nicht mehr gesehenes Niveau getrieben. Thomas Langen: „Wir gehen derzeit davon aus, dass die weltweite Inflation im Jahr 2022 durchschnittlich 6,1 Prozent betragen wird.“ Die US-Inflationsrate lag im März bei etwa 8 Prozent. In der Eurozone lag sie mit 7,5 Prozent nur geringfügig niedriger. „Wir sind der Meinung, dass der derzeitige Inflationsschub voraussichtlich nur vorübergehend ist“, betont Langen. Neben den Marktkräften ergreifen auch die geldpolitischen Entscheidungsträger noch stärkere Maßnahmen, um die Inflation abzuwehren. Die Fed hat ihr pandemisches Anleihekaufprogramm bereits gestoppt und erörtert einen Plan zum Verkauf von Vermögenswerten und damit zur Schrumpfung ihrer Bilanz. Eine Zinserhöhung um einen Viertelpunkt hat bereits stattgefunden. Atradius rechnet mit einigen weiteren Erhöhungen in diesem Jahr. Auch die EZB hat ihr pandemiebedingtes Anleihekaufprogramm eingestellt. „Zinserhöhungen wurden von der EZB noch nicht angekündigt, aber das scheint nur eine Frage der Zeit zu sein“, sagt Thomas Langen. Mit einer ersten Zinserhöhung rechnet Atradius entweder im vierten Quartal 2022 oder im ersten Quartal 2023. „Ob dies ausreichen wird, um die Inflation einzudämmen, bleibt abzuwarten“, so Thomas Langen.

Stimmung in der Eurozone verschlechtert sich

Die Auswirkungen des russischen Einmarsches in der Ukraine belasten das Wachstum in den kommenden Quartalen durch weitere Unterbrechungen der Lieferketten, höhere Rohstoffpreise und die negativen Auswirkungen auf das Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher. Die aktuelle Basisprognose von Atradius sieht ein BIP-Wachstum von 2,9 Prozent in diesem Jahr und 2,7 Prozent im Jahr 2023 vor. Damit liegt die Wirtschaft des Euroraums um 1,0 Prozentpunkte unter der Basisprognose vor der Invasion. „Sollten die Kämpfe in der Ukraine bis weit in das Jahr 2023 hinein andauern, die Sanktionen verschärft und russische Gaslieferungen eingeschränkt werden, könnte das Wachstum in der Eurozone sogar auf 1,0 Prozent im Jahr 2022 zurückgehen“, schätzt Thomas Langen. Unter den großen Volkswirtschaften erwartet Atradius für 2022 eine Verringerung des BIP-Wachstums um -1,8 Prozent in Deutschland, -1,5 Prozent in Italien, um -0,7 Prozent in Frankreich, -0,3 Prozent in den Niederlanden und -0,6 Prozent in Spanien im Vergleich zur Prognose vor dem russischen Einmarsch.

Deutschland und Italien gehören zu den Ländern, die am stärksten durch negative Auswirkungen aufgrund des Krieges betroffen sind. Beide Länder unterhalten nicht nur enge Handelsbeziehungen zu Russland, sondern auch ihre Automobilindustrien werden voraussichtlich durch den Krieg in Mitleidenschaft gezogen werden. Die deutschen Automobilhersteller haben bereits vorübergehende Produktionskürzungen aufgrund eines Mangels an Teilen aus der Ukraine angekündigt. In Italien sind ähnliche Probleme bei der Versorgung mit Bauteilen eine Frage der Zeit. Zudem sind beide Länder bei ihren Gaseinfuhren stark von Russland abhängig.

Zunehmende Inflation in der Eurozone

Der Einmarsch Russlands in der Ukraine verschärft den bestehenden Preisdruck, der durch Ungleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage verursacht wird, weiter. Dies zeigt sich in den Inflationsprognosen für 2022 für die Eurozone. Thomas Langen: „Die Unternehmen sehen sich mit einem noch nie dagewesenen Anstieg der Einkaufspreise konfrontiert und müssen in der Folge deutlich höhere Verkaufspreise an die Kunden weitergeben.“ Die Gesamtinflation in der Eurozone stieg im Februar auf 5,9 Prozent. „Wir gehen davon aus, dass die Inflation für den Rest des ersten Halbjahres 2022 nahe bei 5,5 Prozent und im Gesamtjahr bei durchschnittlich 4,8 Prozent in der Eurozone liegen wird“, so der Atradius-Manager.

Steigende Zahl der Insolvenzen im Jahr 2022

Die aktuelle Lage wirkt sich auch auf die Zahl der Insolvenzen im Jahr 2022 aus. „Wir erwarten einen starken Anstieg der Unternehmenszusammenbrüche in diesem Jahr, da die staatlichen Unterstützungsregelungen allmählich auslaufen“, schätzt Thomas Langen. Weltweit rechnet Atradius 2022 mit einem Anstieg der Insolvenzen um 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Gründe: Verzögerte Insolvenzen in den Jahren 2020-2021, die Rückkehr der Insolvenzen auf ein „normales“ Niveau mit dem Auslaufen der fiskalischen Unterstützung, und die Auswirkungen des geringeren BIP-Wachstums. Für die Eurozone erwartet Atradius im Jahr 2022 den stärksten Anstieg in den Märkten, in denen die staatliche Unterstützung ausläuft, die aber 2021 noch keinen hohen Insolvenzanstieg verzeichneten. Dazu gehören Portugal, die Niederlande, Belgien und Frankreich. Und außerhalb der Eurozone die Vereinigten Staaten und Japan. Für Deutschland prognostiziert Atradius in diesem Jahr einen Anstieg der Unternehmenszusammenbrüche um 11 Prozent.

Nach 2023 erwartet Atradius, dass die Insolvenzen wieder zurückgehen oder annähernd konstant bleiben werden. Dies liege daran, dass sich das Insolvenzniveau weitgehend normalisiert haben werde und Zombie-Unternehmen, die ohne Unterstützung nicht überlebensfähig seien, bereits in die Insolvenz gegangen seien. In den kommenden Jahren werden sich die Unternehmen nach Aussage von Thomas Langen auf ein Umfeld ohne nennenswerte staatliche Unterstützung einstellen müssen. Für Unternehmen, die sich während der Pandemie stark verschuldet haben, könnte dies eine Herausforderung darstellen.

 

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