Von  Dr. Dirk Rüttgers, Geschäftsführer FGTC Investment

Der Krieg im Iran und die Blockade der Straße von Hormus markieren eine neue Eskalationsstufe mit weitreichenden Konsequenzen für Energie- und Agrarmärkte. Steigende Agrarpreise sind wahrscheinlicher als 2022.

Während die unmittelbaren Marktreaktionen seit Ausbruch des Krieges am Persischen Golf – stark steigende Ölpreise und volatile Agrarrohstoffe – zunächst an den Beginn des Ukraine-Krieges erinnern, ist die aktuelle Situation strukturell und global betrachtet deutlich kritischer. Der Grund: Anders als 2022 geht es diesmal nicht primär um logistische Engpässe, sondern um dauerhafte Angebotsverluste in zentralen Produktions- und Verarbeitungskapazitäten.

Von kurzfristigen Schocks zu strukturellen Engpässen

Zu Beginn des Ukraine-Krieges reagierten die Märkte mit massiven Preissprüngen. Weizen verteuerte sich innerhalb kürzester Zeit von rund 260 Euro auf über 400 Euro je Tonne. Mit der Erkenntnis, dass ein Großteil der Exporte aus Russland und der Ukraine weiterhin den Weltmarkt erreichte, normalisierten sich die Preise jedoch relativ schnell.

Die aktuelle Situation im Persischen Golf unterscheidet sich fundamental. Denn erstens wurden Förderanlagen, Raffinerien und Lagerkapazitäten beschädigt. Damit ist die globale Produktionskapazität für Ölprodukte real gesunken. Zweitens ist dieser Angebotsverlust nicht in wenigen Wochen oder Monaten behebbar. Selbst bei der zeitnahen Öffnung der Straße von Hormus bleibt der Wiederaufbau der Produktionskapazitäten ein mehrjähriger Prozess. Damit entsteht kein temporärer, sondern ein persistenter Angebotsschock.

Die unterschätzte Verbindung: Energie → Düngemittel → Ernteerträge

Die eigentliche Brisanz liegt jedoch nicht im Ölmarkt selbst, sondern in den Folgeeffekten auf die Landwirtschaft. Beispielsweise ist das nun knappe Gas ein zentraler Grundstoff und Energiequelle für die Produktion von Stickstoffdüngern. Gleichzeitig ist die Golfregion ein globaler Schlüsselanbieter:

  • ca. 35 Prozent der weltweiten Harnstoffproduktion (Urea) werden durch die Straße von Hormus transportiert
  • rund 20 Prozent des globalen Ammoniakangebots stammen aus der Region
  • etwa 40 bis 45 Prozent des Schwefelhandels – essenziell für Phosphatdünger – sind betroffen

In Summe werden 20 bis 30 Prozent des weltweiten Düngemittelhandels über diese Meerenge abgewickelt. Diese Konzentration macht die Region systemrelevant für die globale Nahrungsmittelproduktion. Der Ausfall dieses Angebots wird weltweit spürbar werden.

Zeitverzögerte, aber nachhaltige Preisdynamik

Historisch zeigt sich ein klares Muster: Störungen in der Energie- oder Logistikinfrastruktur wirken sich mit einem Zeitverzug von drei bis sechs Monaten auf die Düngemittelpreise aus. Das löst eine globale Kettenreaktion aus: Zunächst steigen die Produktionskosten für Landwirte. In Summe wird weniger Düngemittel eingesetzt und die Ernteerträge gehen zurück. In der Konsequenz steigen dann erst die Agrarrohstoffpreise und durch Weitergabe an die Endverbraucher letztendlich auch Lebensmittelpreise. Diese Kaskade ist deutlich nachhaltiger als reine Energiepreisschocks.

Globale Dimension statt regionaler Belastung

Während höhere Dieselpreise regional unterschiedlich wirken, ist die Abhängigkeit von Düngemitteln ein globales Phänomen. Insbesondere Schwellenländer in Asien und Afrika sind in hohem Maße auf Importe aus der Golfregion angewiesen.

Selbst bei aktuell guten Ernteprognosen für Weizen oder Soja bleibt daher festzuhalten: Die Angebotsseite der Landwirtschaft wird strukturell geschwächt.

Inflationärer Druck bleibt – selbst bei schneller Entspannung

Jeder Tag, an dem die Nutzung der Straße von Hormus eingeschränkt ist, verschärft die Lage weiter. Entscheidend ist jedoch, dass selbst im Falle einer kurzfristigen geopolitischen Entspannung die bereits entstandenen Schäden bestehen bleiben. Die Folge ist ein mittelfristig erhöhter Inflationsdruck – insbesondere im Lebensmittelbereich.

Die aktuelle Entwicklung ist daher weniger ein kurzfristiger Marktschock, sondern vielmehr der Beginn einer neuen Phase strukturell höherer Agrarpreise.

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