Kommentar von Mobeen Tahir, Associate Director, Research, WisdomTree

 

Am Dienstag, dem 11. August, fiel der Goldpreis um mehr als fünf, der Silberpreis um fast 15 Prozent. Die Anleger fragten sich daher, ob eine wesentliche Veränderung der Marktstimmung eingetreten war. Sind defensive Absicherungen nicht mehr erforderlich? Wie wichtig sind Gold und Silber bei einer sich aufhellenden Risikostimmung? Ein Blick auf den breiteren Markt und die wirtschaftlichen Fundamente kann bei der Beantwortung dieser Fragen helfen.

Wie haben sich andere defensive und risikoreiche Anlagen seit dem denkwürdigen Tag im August verhalten?

Defensive Anlagen wie der US-Dollar erholten sich an diesem Tag. Das löste den anfänglichen Ausverkauf anderer Safe-Haven-Anlagen aus, wobei der Dollar seine Erholung jedoch nicht aufrechterhalten konnte und im bisherigen Jahresverlauf schwach bleibt. Der Dollar-Währungskorb fiel seit Jahresbeginn um etwa 3,7 Prozent. Die Renditen 10-jähriger US-Anleihen legten an drei Tagen seit dem 11. August um über 10 Basispunkte zu. Sie bleiben aber mit rund 0,68 Prozent nahe den Rekordtiefstständen, verglichen mit rund 1,9 Prozent zu Jahresbeginn.

Risiko-Assets: Der S&P 500 verläuft seit dem Tag weitgehend flach, befindet sich aber seit März allgemein auf einem stetigen Aufwärtstrend. Der Euro Stoxx 50 Index hat den S&P 500 Index seit dem 11. August übertroffen und verzeichnet seit dem Schlusskurs vom 10. August ein Plus von etwa 1,4 Prozent (in EUR ausgedrückt).

Wie wird sich eine Veränderung der Wirtschafts- und Risikostimmung auf die Vermögensmärkte auswirken?

Sollte sich die Stimmung hinsichtlich des Wirtschaftswachstums verbessern, werden Risikoanlagen, wie Aktien und zyklische Rohstoffe, profitieren. Und angesichts eines Rückzugs bei Staatsanleihen wird Gold als Absicherung gegen einen eventuellen Anstieg der Inflation weiterhin gefragt sein. Silber wird aufgrund seiner hohen Korrelation mit Gold [1] und der starken industriellen Nachfrage [2] weiterhin eine vorsichtige Investitionsmöglichkeit bei der zyklischen Erholung bieten.

Sollte sich die Stimmung verschlechtern, wäre dies für Risikoanlagen natürlich nicht förderlich. Gleichwohl haben die US-Aktien seit Jahresbeginn dank der starken politischen Unterstützung und der Stärke des Technologiesektors eine beachtliche Widerstandsfähigkeit gezeigt. Ein trüberer Wirtschaftsausblick wird Gold und Silber mit ihren defensiven Eigenschaften ins Spiel bringen.

Hat sich die Stimmung letzte Woche geändert?

Die Stimmung – sowohl unter Ökonomen als auch auf den Märkten – hat sich seit dem Höhepunkt der Krise im März verbessert. Die Veröffentlichung der ZEW-Wirtschaftswachstumserwartungen für die USA und die Eurozone am Dienstag, den 11. August, deutet lediglich auf eine Fortsetzung dieses Trends hin. Die Umkehrung des CBOE-Volatilitätsindex (VIX) seit März zeigt ein ähnliches Bild des zunehmenden Vertrauens in die Märkte. Somit hat sich die Stimmung in der vergangenen Woche nicht verändert, sondern den seit März eingeschlagenen Weg fortgesetzt.

Nach der deutlichen Verschlechterung im zweiten Quartal wird die Erholung der Weltwirtschaft wahrscheinlich langsam und langwierig sein. Eine allmähliche Verbesserung der wirtschaftlichen Stimmung und ein herausfordernder Ausblick schließen sich nicht gegenseitig aus. Vielmehr stellen die Bestandteile einer stetigen, U-förmigen wirtschaftlichen Erholung unser zentrales Szenario bei WisdomTree dar.

Gold und Silber machen in dieser Woche bereits Gewinne, was hervorhebt, dass beide Edelmetalle zu den integralen Bestandteilen eines diversifizierten Portfolios gehören. In einem Zeitalter niedriger bis negativer Zinssätze und der Unsicherheit, die mit der Erholung der Weltwirtschaft einhergeht, bieten sie Ausgewogenheit, indem sie an den Aufwärtsrisiken partizipieren, aber auch Schutz vor den Abwärtsrisiken bieten. Strategische Anleger täten gut daran, die momentane Volatilität zu ignorieren. Taktische Anleger dagegen werden die Kursrückgänge, wie die der letzten Woche, wahrscheinlich als Kaufgelegenheit wahrnehmen.

Sofern nicht anders angegeben, handelt es sich bei den Daten um Quellen von WisdomTree, Bloomberg vom 17. August 2020.

[1] historisch zwischen 0,7 und 0,8

[2] mehr als die Hälfte der Verwendung von Silber stammt aus industriellen Anwendungen wie Elektronik, medizinischen Geräten und Solarstromerzeugung

 

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